Der Feldhase ist ein mittelgroßes Säugetier aus der Familie der Hasen und gehört zur Ordnung der Hasenartigen. Sein wissenschaftlicher Name lautet Lepus europaeus. Er ist vor allem an offene Landschaften angepasst und zählt mit seinen langen Hinterläufen, den auffallend langen Ohren und seiner hohen Laufgeschwindigkeit zu den bekanntesten Wildtieren der europäischen Feldflur.
Obwohl Feldhasen und Wildkaninchen häufig verwechselt werden, unterscheiden sie sich deutlich in Körperbau und Lebensweise. Feldhasen sind größer, besitzen längere Beine und Ohren und graben normalerweise keine unterirdischen Baue. Stattdessen ruhen sie in flachen Bodenmulden, den sogenannten Sassen. Auch ihre Jungen kommen bereits weit entwickelt zur Welt und können kurz nach der Geburt sehen und laufen.
Aussehen und typische Merkmale
Der Feldhase besitzt einen schlanken, kräftigen Körper mit besonders langen Hinterbeinen. Erwachsene Tiere erreichen meist eine Körperlänge von etwa 60 bis 75 Zentimetern und wiegen ungefähr 3 bis 5 Kilogramm. Der kurze Schwanz ist auf der Oberseite dunkel bis schwarz und auf der Unterseite weiß. Auffällig sind die langen Ohren, deren Spitzen schwarz gefärbt sind.
Das Fell ist je nach Jahreszeit und Individuum gelblich braun, rotbraun oder graubraun. Die Unterseite des Körpers ist deutlich heller. Im Winter wirkt das Haarkleid häufig grauer und dichter, wird jedoch im Gegensatz zum Fell mancher nordischer Hasenarten nicht vollständig weiß. Männchen und Weibchen unterscheiden sich äußerlich nur wenig voneinander.
Die seitlich am Kopf liegenden Augen ermöglichen ein sehr weites Gesichtsfeld. Dadurch kann ein Feldhase Bewegungen in seiner Umgebung früh wahrnehmen, ohne den Kopf stark drehen zu müssen. Zusammen mit dem ausgezeichneten Gehör und dem feinen Geruchssinn ist diese Rundumsicht eine wichtige Anpassung an offene Lebensräume, in denen Deckung nicht überall verfügbar ist.
Körperbau und besondere Fähigkeiten
Der Körperbau des Feldhasen ist auf schnelle Flucht spezialisiert. Die langen Hinterläufe liefern einen kräftigen Schub, während die Vorderbeine vergleichsweise kürzer sind. Bei Gefahr kann der Feldhase sehr schnell beschleunigen und auf kurzen Strecken Geschwindigkeiten von ungefähr 60 Kilometern pro Stunde erreichen.
Typisch ist das sogenannte Hakenschlagen. Dabei ändert der Hase während der Flucht abrupt seine Richtung, um einen Verfolger abzuschütteln. Diese schnellen Richtungswechsel werden durch kräftige Hinterbeine und einen beweglichen Körper ermöglicht. Feldhasen können außerdem gut springen und sind in der Lage, Hindernisse in der offenen Landschaft rasch zu überwinden.
Bei unmittelbarer Gefahr flieht ein Feldhase nicht immer sofort. Oft vertraut er zunächst auf seine Tarnung. In der Sasse drückt er sich flach an den Boden und legt die Ohren an. Erst wenn sich ein Feind sehr weit nähert, springt er plötzlich auf und flüchtet mit hoher Geschwindigkeit.
Lebensraum
Der Feldhase bevorzugt offene und halboffene Landschaften mit guter Übersicht. Besonders geeignet sind Wiesen, Grasländer, Steppen und abwechslungsreiche Agrarlandschaften. Wichtig ist eine Mischung aus Nahrungsflächen und Bereichen, die Deckung bieten. Feldraine, Hecken, Brachen, Altgrasstreifen und strukturreiche Ackerränder können deshalb eine große Bedeutung haben.
Dichte, geschlossene Wälder gehören nicht zu seinen bevorzugten Lebensräumen. Feldhasen können Waldränder und lichte Gehölze nutzen, benötigen aber vor allem offene Flächen. In intensiv bewirtschafteten Landschaften hängt ihre Lebensraumqualität stark davon ab, ob über das ganze Jahr genügend Nahrung und sichere Ruheplätze vorhanden sind.
Tagsüber ruht der Feldhase meist in einer Sasse. Dabei handelt es sich um eine flache Mulde im Boden, die er mit dem Körper etwas ausformt. Eine Sasse kann zwischen Vegetation, in einer Ackerfurche oder an einer geschützten Stelle liegen. Im Gegensatz zum Wildkaninchen lebt der Feldhase nicht in einem verzweigten unterirdischen Bausystem.
Verbreitung
Das natürliche Verbreitungsgebiet des Feldhasen umfasst weite Teile Europas sowie Gebiete in West- und Zentralasien. Die Art kommt unter anderem in Großbritannien, Mitteleuropa, Südosteuropa, dem Nahen Osten und weiter östlich bis in Teile Zentralasiens vor.
Der Mensch hat Feldhasen darüber hinaus in verschiedene Regionen außerhalb ihres ursprünglichen Areals gebracht. Eingeführte Populationen existieren beispielsweise in Teilen Nord- und Südamerikas sowie in Australien und Neuseeland. Diese Vorkommen gehören jedoch nicht zum natürlichen ursprünglichen Verbreitungsgebiet der Art.
Lebensweise und Aktivitätszeiten
Feldhasen sind überwiegend dämmerungs- und nachtaktiv. Den Tag verbringen sie häufig ruhend in ihrer Sasse. Am Abend verlassen sie den Ruheplatz und suchen nach Nahrung. In störungsarmen Gebieten sowie während der Fortpflanzungszeit können sie jedoch auch tagsüber beobachtet werden.
Die Tiere sind das ganze Jahr über aktiv und halten keinen Winterschlaf. Im Winter schützt ein dichteres Fell vor niedrigen Temperaturen. Bei schlechtem Wetter können Feldhasen lange in ihrer Sasse ausharren und sich eng an den Boden drücken.
Außerhalb der Fortpflanzungszeit leben Feldhasen überwiegend einzelgängerisch. An ergiebigen Nahrungsplätzen oder während der Paarungszeit können sich jedoch mehrere Tiere gleichzeitig aufhalten. Feste Familiengruppen wie bei manchen anderen Säugetieren bilden sie nicht.
Sozialverhalten und Paarungszeit
Besonders auffällig wird das Sozialverhalten im Spätwinter und Frühjahr. Während der Paarungszeit, die je nach Region ungefähr von Januar oder Februar bis in den Sommer reicht, treffen mehrere Tiere aufeinander. Dabei kommt es zu schnellen Verfolgungsjagden über Felder und Wiesen.
Bekannt ist das sogenannte Boxen der Feldhasen. Entgegen einer verbreiteten Vorstellung handelt es sich dabei nicht nur um Kämpfe zwischen Männchen. Häufig wehrt ein Weibchen mit den Vorderpfoten einen aufdringlichen Rammler ab. Die Tiere richten sich dabei auf die Hinterbeine auf und schlagen mit den Vorderläufen gegeneinander.
Diese turbulente Phase macht Feldhasen wesentlich auffälliger als während des übrigen Jahres. Trotzdem bleibt ihre soziale Bindung insgesamt lockerer als bei Arten, die dauerhaft in Gruppen leben.
Ernährung
Der Feldhase ist ein Pflanzenfresser. Seine Nahrung besteht vor allem aus Gräsern, Kräutern, Blättern und verschiedenen Feldpflanzen. Je nach Jahreszeit werden auch Samen, junge Triebe, Knospen und andere Pflanzenteile aufgenommen. Im Winter, wenn frische Kräuter und Gräser knapp sind, können Rinde und Zweige stärker an Bedeutung gewinnen.
In Agrarlandschaften nutzt der Feldhase auch Kulturpflanzen. Eine vielfältige Vegetation ist jedoch wichtig, weil sie eine abwechslungsreichere Ernährung ermöglicht als großflächige Bestände nur einer Pflanzenart.
Wie andere Hasenartige betreibt der Feldhase Caecotrophie. Dabei nimmt er einen speziellen weichen Blinddarmkot erneut auf. Auf diese Weise können Nährstoffe und Vitamine, die bei der ersten Verdauung noch nicht vollständig aufgenommen wurden, ein zweites Mal genutzt werden. Der Großteil des Wasserbedarfs wird über die Nahrung gedeckt.
Fortpflanzung
Die Fortpflanzungszeit beginnt häufig bereits im Winter und kann bis in den Sommer reichen. Weibliche Feldhasen können in einer Saison mehrere Würfe bekommen. In Mitteleuropa sind meist drei bis vier Würfe möglich. Pro Wurf kommen häufig ein bis drei Junge zur Welt; größere Würfe mit bis zu etwa sechs Jungtieren können vorkommen.
Die Tragzeit beträgt ungefähr 42 Tage. Eine außergewöhnliche Besonderheit des Feldhasen ist die sogenannte Superfötation oder Superkonzeption. Dabei kann ein Weibchen kurz vor der Geburt erneut gedeckt und befruchtet werden, obwohl es noch trächtig ist. Wissenschaftliche Untersuchungen haben bestätigt, dass beim Feldhasen eine neue Befruchtung während einer bereits bestehenden späten Trächtigkeit möglich ist.
Diese besondere Fortpflanzungsstrategie kann den zeitlichen Abstand zwischen zwei Würfen verkürzen. Sie gehört zu den ungewöhnlichsten biologischen Merkmalen der Art und ist bei Säugetieren insgesamt selten.
Jungtiere und Entwicklung
Junge Feldhasen unterscheiden sich deutlich von jungen Kaninchen. Sie werden oberirdisch geboren und sind sogenannte Nestflüchter. Bereits bei der Geburt besitzen sie Fell, ihre Augen sind geöffnet und sie können sich bewegen. Dadurch sind sie wesentlich selbstständiger als neugeborene Wildkaninchen.
Die Häsin verteilt ihre Jungen häufig einzeln oder mit Abstand voneinander im Gelände. So soll verhindert werden, dass ein Beutegreifer den gesamten Wurf auf einmal findet. Die Mutter hält sich nicht dauerhaft bei ihnen auf, sondern kehrt meist nur kurz zum Säugen zurück. Die besonders nährstoffreiche Milch reicht aus, obwohl die Jungen nur wenige Male beziehungsweise häufig nur einmal pro Tag gesäugt werden.
Nach etwa einem Monat sind die jungen Feldhasen weitgehend entwöhnt. Viele erreichen jedoch das Erwachsenenalter nicht. Niedrige Temperaturen, anhaltende Nässe, Beutegreifer, landwirtschaftliche Arbeiten und Krankheiten können besonders für Jungtiere gefährlich sein.
Kommunikation und Sinne
Feldhasen sind im Alltag eher stille Tiere. Sie kommunizieren durch Gerüche, Körperhaltung und verschiedene leise Lautäußerungen. Bei unmittelbarer Bedrohung oder Verletzung können sie einen auffallend schrillen Ruf ausstoßen.
Von besonderer Bedeutung sind die Sinne. Die langen Ohren können unabhängig ausgerichtet werden und ermöglichen eine genaue Ortung von Geräuschen. Der Geruchssinn hilft bei der Wahrnehmung von Artgenossen, Nahrung und Feinden. Die seitliche Stellung der Augen sorgt für ein sehr großes Sichtfeld und erleichtert die frühe Erkennung von Bewegungen.
Natürliche Feinde
Zu den wichtigsten natürlichen Feinden des Feldhasen gehört der Rotfuchs. Je nach Region können außerdem größere Greifvögel, Eulen und Wildkatzen eine Rolle spielen. Jungtiere sind besonders gefährdet und können auch Rabenvögeln oder Wildschweinen zum Opfer fallen.
Der Feldhase setzt in erster Linie auf Tarnung und Flucht. Seine erdbraune Fellfarbe macht ihn in Ackerflächen und trockenem Gras schwer erkennbar. Wird er entdeckt, bieten Geschwindigkeit, kräftige Sprünge und schnelle Richtungswechsel einen wirksamen Schutz.
Lebenserwartung
In freier Wildbahn werden Feldhasen im Durchschnitt etwa vier Jahre alt. Einzelne Tiere können deutlich älter werden und ein Alter von bis zu ungefähr zwölf Jahren erreichen. Die hohe Sterblichkeit im ersten Lebensjahr trägt wesentlich dazu bei, dass die durchschnittliche Lebensdauer deutlich unter dem möglichen Höchstalter liegt.
Feldhase und Mensch
Der Feldhase ist seit Jahrhunderten eng mit der europäischen Kulturlandschaft verbunden. Er profitiert grundsätzlich von offenen Landschaften, doch moderne landwirtschaftliche Nutzung kann seine Lebensbedingungen auch verschlechtern. Große, einheitliche Felder, der Verlust von Brachen und Hecken sowie ein geringeres Angebot an Wildkräutern reduzieren Nahrung und Deckung.
Landwirtschaftliche Maschinen können insbesondere während der Fortpflanzungszeit Jungtiere gefährden. Hinzu kommen Straßenverkehr, freilaufende Hunde und andere menschliche Störungen. Gleichzeitig ist der Feldhase in vielen Ländern eine traditionelle Wildart und unterliegt regional jagdrechtlichen Regelungen.
Als Haustier ist der Feldhase nicht geeignet. Er ist ein Wildtier mit ausgeprägtem Fluchtverhalten, großem Bewegungsbedarf und speziellen Ansprüchen an seinen Lebensraum.
Gefährdung und Schutz
Global wird der Feldhase von der IUCN als nicht gefährdet eingestuft. Diese weltweite Bewertung bedeutet jedoch nicht, dass die Bestände überall stabil sind. In mehreren Regionen Europas wurden langfristige Rückgänge festgestellt.
In Deutschland wird der Feldhase in der nationalen Roten Liste als gefährdet eingestuft. Als wichtige Ursachen gelten vor allem Veränderungen in der Agrarlandschaft. Der Verlust strukturreicher Flächen, weniger Wildkräuter, fehlende Deckung und intensive Bewirtschaftung können die Lebensbedingungen verschlechtern.
Schutzmaßnahmen setzen deshalb vor allem beim Lebensraum an. Blühstreifen, Brachen, Hecken, extensiv genutzte Wiesen, Altgrasbereiche und abwechslungsreiche Feldränder schaffen Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten. Eine vielfältige Kulturlandschaft hilft nicht nur dem Feldhasen, sondern zahlreichen weiteren Tier- und Pflanzenarten.
Interessante Besonderheiten
Der Feldhase ist ein ausgezeichneter Sprinter, lebt ohne unterirdischen Bau und bringt ungewöhnlich weit entwickelte Junge zur Welt. Hinzu kommt die seltene Fähigkeit zur Superfötation, durch die sich zwei aufeinanderfolgende Trächtigkeiten zeitlich überschneiden können.
Seine Kombination aus Tarnung, Rundumsicht, gutem Gehör und explosiver Fluchtgeschwindigkeit macht ihn zu einem hoch spezialisierten Bewohner offener Landschaften. Gleichzeitig zeigt seine Bestandsentwicklung, wie stark selbst anpassungsfähige Wildtiere von der Struktur und Vielfalt ihrer Umgebung abhängig sind.



